Eine Story: Das Leben ist kein Traum…

Der Traum

Im Folgenden soll es um das Spannungsverhältnis zwischen Schein und Wirklichkeit, zwischen Traum und Realität gehen. Das Leben schreibt oft seine eigenen Geschichten und so war es auch hier. Alles begann mit einem Traum, den der junge Arzt Paul Parker im Sommer , genauer gesagt im Juli, des vergangenen Jahres hatte. Wie viele andere vergisst er seine Träume am Morgen mit dem Aufwachen sofort. Aber diesmal war es anders. Dieser Traum war plastisch und surreal zugleich. Er sah sich selbst nicht in seiner realen Person sondern als muskelbepackten Profiboxer in voller Boxausrüstung. Wie aus heiterem Himmel fand er sich plötzlich in einer Bibliothek wieder, nicht unähnlich einer Dozenten-Bibliothek, die er noch aus seiner Studienzeit kannte. Doch diesmal war alles anders. Er war als Boxer dort auf einer Suche. Er wu8sste nicht genau wonach, aber es war eine wichtige Aufgabe, die ihn beschäftigte. Seine Boxhandschuhe erschwerten ihm die Suche, aber er konnte sie alleine nicht ablegen und weit und breit war niemand zu sehen, der ihm dabei hätte helfen können. Er war vollkommen allein und fühlte sich zeitweise wie der antike Sysyphos bei seinem schier endlosen Unterfangen. Es zog sich wie Kaugummi, aber plötzlich fiel etwas aus einem Buchdeckel heraus, etwas, das augenblicklich seine Neugier weckte, eine alte gefaltete Karte. Die Beschriftungen der Karte ließen auch keinen Zweifel zu. Es handelte sich um eine Schatzkarte und der Schatz war eindeutig im Quadranten G7 versteckt. Aber noch bevor es hätte weitergehen können, klingelte der Wecker und Paul erwachte aus allen Träumen, aber der Traum und die Koordinate G7 blieben hängen.

Die Fiktion

Wie es aber dennoch eigentlich immer so ist, greifen dann die Alltagsrituale und -Probleme und Träume/Illusionen geraten in den Hintergrund. Aber im darauffolgenden Herbst sollte es zu der am Anfang angesprochenen Wendung kommen, bei der die Traumerfahrung auf die Wirklichkeit eingreifen sollte. Paul besuchte im September ein Theaterstück im lokalen Mannheimer Off-Theater TiG7 (Theater in G7), es war das Stück „Die Mausefalle“ von Agatha Christie in einer leicht geänderten und neu adaptierten Fassung (wie es sich für eine avantgardistische Inszenierung gehört). Er sah die Schauspielerin Vickie Vayle in ihrem Schwesternkostüm und einer Giftampulle in der Hand verbrecherische Pläne schmieden und plötzlich traf es ihn, wie aus heiterem Himmel. G7 (das Städtequadrat, in dem sich das Theater befindet), ein verbrecherischer Plan, in dem es (wie auch sonst) um Geld und Reichtum geht, die Protagonistin in medizinischer Berufskleidung. All das waren Zeichen, die sich nicht in einem Traum sondern im hier und jetzt verdichteten. Er war verwirrt und kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Aber er wusste, es musste definitiv etwas geschehen und er musste die Initiative ergreifen. Es war, wie wenn ihn eine dunkle Macht magisch anzöge und urplötzlich wusste er auch, was zu tun war.

Die Wirklichkeit

An jedem dritten des Monats wird im erfolgreichen Theater in G7 die Monatsabrechnung gemacht. Da es kein Finanzinstitut ist, werden dabei keine besonderen Sicherheitsvorkehrungen getroffen (so erinnerte er sich zumindest noch aus der Zeit einer freien Mitarbeit während seiner Studienzeit. Das Geld liegt lediglich in einer ganz normalen nur mit Schlüssel verschlossenen handelsüblichen Geldkasse im Büro der Theaterverwaltung. Der Schlüssel meistens nicht weit davon entfernt in einer Schublade. Er musste also nur ins Büro gelangen, um an das Geld zu gelangen (das er aufgrund vieler angehäufter Spielschulden auch dringend benötigte). Mit seiner ärztlichen Arbeitskleidung würde er im täglichen kostümierten Probenbetrieb auch nicht großartig auffallen und wäre gleichzeitig unerkannt. Gesagt, getan. Der Plan läuft gut und er hat den Schlüssel zur Kasse tatsächlich in der Hand. Nur wenige Momente trennen ihn noch von Kasse, Geld und Schuldentilgung. Bis plötzplötzlich die Schauspielerin Vickie (eben diese), die zusätzlich zur Schauspieltätigkeit noch in der Theaterverwaltung aushilft, bei ihm im Büro steht und ihn gewissermaßen auf frischer Tat ertappt. Paul wird panisch und kann nicht mehr klar denken. Hals über Kopf stößt er Vickie beiseite und ergreift in voller (ärztlicher) Vermummung die Flucht, immer noch mit dem Schlüssel in der Hand. Plötzlich ist er Hauptdarsteller in seinem eigenen surrealen Krimistück und rennt die schier endlos werdende Straße entlang. Aber was im Sommer als Traum begann endet nun im Herbst als Albtraum. Denn bei seiner auffälligen Täterbeschreibung ist es kein Problem für die Polizei ihn festzunehmen.

Der Rest ist schnell erzählt. Paul wurde geschnappt, Paul wurde angeklagt, Paul wurde verurteilt. Paul sitzt nun in einer Strafvollzugsanstalt, ironischerweise im Zellenblock G7. Um sich körperlich fit zu halten ist er der Boxsportgruppe des Gefängnisses beigetreten. Die Zeit vergeht nicht, egal, was er tut. Er fühlt sich jetzt tatsächlich wie Sysyphos. Nur einen Schatz, den gibt es hier nicht zu finden oder zu entdecken. Sein Traum wurde (oder war  es vielleicht von Anfang an) ein Albtraum. Manchmal sollte man Träume eben Träume sein lassen und in der realen Welt nicht nach übersinnlichen Zeichen suchen, um sein eigenes Leben in den Griff zu bekommen.

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