Die Leere der Lehre, die ich lehre

Ich gebe Nachhilfe in Deutsch. Ich helfe Gymnasiasten bei Interpretationen von Literatur jeglicher Art.  Da ich keine Pädagogin bin, verfüge ich nicht über das entsprechende Unterrichtsmaterial. Schon immer war ich leidenschaftlich bei der Sache, wenn es um die Diskussion, Interpretation und philosophische Auseinanderpflückung von Lyrik und Prosa ging. Dazu nutzte ich als Schülerin primär mein Hirn und sekundär die entsprechende Sekundärliteratur von Reclam. Meine Schüler nutzen Google. Meine Schüler verbringen ca. 4 Stunden täglich im Netz und „surfen“ so rum. Sie nutzen eher Youtube, um sich zu unterhalten, als das Fernsehen. Sie recherchieren über Themen, die sie für Politik, Gesellschaft und Naturwissenschaft wissen sollten, im Netz. Während meines Studiums nutzte ich Google, altavista, Yahoo und noch irgendeine Suchmaschine in ihren Kinderschuhen. Wenn ich eine Metaebene, eine Verknüpfung, eine Transferleistung nicht selbst erbringen konnte, dann las ich wissenschaftliche Arbeiten und Bücher.Hausarbeiten.de war der totale Hit und man konnte damit echt gut „arbeiten“.

So und nun gibt es seit Jahren Google Scholar und Google Quote und den Google citation index. Sicherlich ist es für Google aus rein finanzieller Sicht nicht von oberster Priorität, die Geisteswissenschaften mit einer spezifischen Weltsicht zu infizieren. Sicherlich darf man sich auch noch auf das eigenverantwortliche, kritische und zunehmend reflektierende Mitdenken einzelner Heranwachsender verlassen. Doch eben diese, siehe oben, und die empirischen Daten meines persönlichen Eindrucks, verbringen echt „sauviel“ Zeit mit chillen und surfen und entwickeln hierbei, unmerklich, eine ganz eigene Weltsicht, quasi nebenbei. Was sie im Netz finden, darüber entscheidet… Google.

Wie sie an literarische Werke und Themen heranzutreten haben entscheiden Gott sei Dank noch die Pädaogen. Ob Max Frischs Andri den klassischen Stufen des Antisemitismus zum Opfer gefallen ist, das wird Gott sei Dank noch an der Tafel geklärt. Es ist auch nur ein Anstoß, sich das Ausmaß der „Macht“ von Google auch über unser Denken, unser Lernen und unserer Weltsicht bewusst zu machen.

Was ich bei Scholar und Citation finde, darüber hat Google die Macht. Welche Themen sich mir als Heranwachsendem aufdrängen und auf welche Weise mir diese unterbreitet werden, darauf hat sowohl Youtube als auch Facebook usw einen enormen Einfluss. So und nun spinnen wir das Ganze mal ein wenig weiter…. irgendwie beängstigend oder? Sobald ich anfange über das Ausmaß dieser Macht nachzudenken, geht es mir ähnlich wie damals, als ich mit 12/13 Jahren anfing, über das Universum nachzudenken. Bevor ich mir der Unendlichkeit des Universums bewusst war, habe ich mir immer eine riesengroße, unendlich in die Luft ragende, Betonmauer vorgestellt, als das „Ende“ des Weltraums. Irgendwann merkte ich, dass dahinter auch etwas sein muss und begann damit, darüber zu lesen. Was wäre dann gewesen, wenn ich in Google ein Bild gefunden hätte, von eben dieser Mauer und eine Information „Behind this wall, the world’s a better place with „googol“ opportunities!“ ?

 

 

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